„In Afghanistan“ – Würzburger Friedenspreisträger berichtet

Peter Schwittek aus Randersacker , 2006 für sein Bildungsarbeit in Afghanistan mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet, berichtete auf Einladung des Komitees Würzburger Friedenspreis am 19.1.2012 im Buchladen Neuer Weg über seine Arbeit. Peter Schwittek, der sieben Monate im Jahr in Kabul, fünf Monate im Jahr bei Würzburg lebt, kennt das Land seit 40 Jahren. 1972 hatte der Mathematiker Afghanistan das erste Mal besucht. Damals stand das Land „noch mehr für Tourismus als Terrorismus“. Ein paar Jahre lehrte Schwittek Mathematik an der Universität Kabul. Auch als er später Assistent an der Uni in Würzburg war, hatte er den Kontakt nie abreißen lassen, organisierte Schulprojekte und medizinische Hilfen. 1996 hatten er und seine Frau Anne Marie mit Freunden und Bekannten „Ofarin“ gegründet, einen Verein, der regionale Initiativen und Nachbarschaftshilfen in Afghanistan fördern will. In den Landessprachen Dari und Paschtu bedeutet „Ofarin!“ soviel wie „Prima!“, „Genau richtig!“ oder „Gut gemacht!“.

Also begann „Ofarin“, in der Moschee die ersten Mädchen und Jungen in Mathematik und Dari zu unterrichten. Der Mullah war für den Religionsunterricht zuständig. Ein paar Wochen ging es gut, dann wurde das Ministerium für islamische Angelegenheiten bei Schwittek vorstellig. „Aber das Ministerium fühlte sich nur übergangen und wollte beteiligt sein.“ Man schloss einen offiziellen Vertrag, wenig später betreute man 15 Moscheen mit 10 000 Kindern.

„Auf jeden Fall machte das Projekt den Frauen und Mädchen Mut in der so trostlosen Zeit“, sagt Anne Marie Schwittek im Rückblick. Als das Taliban-Regime nach dem 11. September 2001 gestürzt wurde, standen auch die staatlichen Schulen den Mädchen wieder offen. Brauchte es da die Moscheeschulen noch? Das Ministerium für islamische Angelegenheiten überredete – und überzeugte – die Schwitteks weiterzumachen. Konservative Familien, sagten die Beamten, würden ihre Töchter niemals auf eine staatliche Schule schicken. Erst recht nicht, wenn die nächste Schule „unkontrollierbar“ weit entfernt ist. „Ein langer Schulweg ist vielen Familien unheimlich, die Mädchen müssen unter ständiger Aufsicht stehen.“Ohne Bildung sei Frieden jedenfalls „nicht möglich“, ist der 71-Jährige überzeugt. Er wirbt für die Zusammenarbeit mit den Mullahs. „Viele in Europa halten Moscheen für Stätten, in denen Moslems fanatisiert werden und das Bombenbauen lernen.“ In ungezählten kleinen und großen Gebetshäusern – allein in Kabul dürfte es 1000 davon geben – könne davon keine Rede sein. Die Mullahs fühlten sich nicht nur für das religiöse, oft auch für das soziale Leben der Menschen in ihrem Einzugsbereich verantwortlich. Gerade, dass afghanische Regierungen bei ihren Versuchen, das Land zu modernisieren, die Geistlichen immer wieder ausgegrenzt hätten, hätte zu schweren Unruhen und Widerstand geführt. „Die Mullahs sind ein so wichtiger und einflussreicher Teil der Gesellschaft, sie müssen bei allen Reformen einbezogen werden.“(Vgl. auch Mainpost 17.1.2012)

Peter Schwittek sieht insbesondere die Rolle der amerikanischen Armee kritisch, die durch ihr rücksichtsloses Auftreten den Taliban erst neuen Zulauf verschafft habe. Und der Nachbar Pakistan habe keinerlei Interese an einem geeinten und wiedererstarkenden Afghanistan.

Ausführlich berichtet Schwittek zu seinen Afghanistan-Erfahrungen in seinem 2011 erschienen Buch: „In Afghanistan“,VDF Hochschulverlag Zürich, 22,90€. Lesenswert!

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5 Antworten auf „In Afghanistan“ – Würzburger Friedenspreisträger berichtet

  1. Andreas Schrappe sagt:

    Es war ein beeindruckender Abend – dieser Mann liebt das Land und wird ihm immer ähnlicher.

  2. Andreas Schrappe sagt:

    Toll, dass die Mainpost einen wirklich guten Artikel im Vorfeld geschaltet hat.

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